Das hat einem keiner gesungen. Das Leben einfach ist. Da sind zum Beispiel die Tage, die man gar nicht fühlt. Aber das wußte ich vom Gebeugten. Nix zu fühlen ist ganz schlecht. Das ist überhaupt nicht komisch. Des Menschen Auge ist ganz taub, das denke ich, sehe ich. Die Menschen sind ein Zittern, das kam wieder vom Gebeugten, der das Zitat von Giovannis Frau hatte, die es selbst bei Kiergegaard gelesen hatte.
Der Mensch ist ein Zittern.
Das gefällt mir. Wenn ich so was höre, bin ich ganz aus dem Häuschen.
Am Samstag stand ich schon um 8.45 Uhr vor der Schusterstube. An diesem Tag, wie an allen Samstagen, öffnet Guido erst um 9.05 Uhr. Ich war bereits mit dem Fahrrad vorgefahren, einen Magnat-Lautsprecher in einem Karton auf dem Gepäckträger. Guido Zeman ist ein glücklicher Mensch Das sagt er auch von sich selbst. Und ich vertraue jedes seiner Worte. Guido Zeman. Seit 11 Jahren habe ich kein Paar Schuhe mehr gekauft. Vor 11 Jahren bin ich los und habe auf einen Schlag sechs Paar gekauft. Lederschuhe mit Ledersohlen, haben ihr Geld gekostet. Meisterware aus Florenz. Und Guido hält sie in Schuß. Schaut mal vorbei. Er repariert Taschen, Ledergürtel, fertigt Schlüssel, schleift Messer, besorgt Stempel und erhält Herrenschuhe zur Reparatur – und Damenschuhe, die für mich wieder interessant sind.
Ohne Umschweife ging er an die Arbeit und nähte dem Rocco sein Halsband. Ich schlug vor, das Halsband auf Reißfestigkeit zu prüfen. Ich an der Leine auf allen Viern, Guido hinter mir herziehend durch Gräfelfing. Ich würde auch nicht Knurren, gab ich ein Versprechen.
Jedenfalls von Guido kam der Tipp mit den Tieftönern. Die Sicken an den Tieftönern seiner sündteuren JBL-Boxen waren hinüber. Und meine auch. Magnat-Boxen. Jens Hoffmeyer wiederum, der in Niedersachsen seinen Stammsitz hat, JH-elektronic – so, wo ist jetzt die Adresse? -
JH-elektronic
Stettinerstrasse 3
29690 Schwarmstedt
Tel. 05071-9668188
Anprechepartner:
Jens Hoffmeyer
Und von Jens Hoffmeyer kamen die repararierten Tieftöner zurück. Neue Lautsprecher hätte ich mir überhaupt nicht leisten können.
Wiederum Guido mußte jetzt mit dem Lötkolben ran, den Kontakt herstellen. Wie ich gleich sah, er war in charmanter Begleitung. Ein Mann, der seinen Platz gefunden hat. Die Schusterstube, die ihm Arbeit und Brot verschafft. Ich kümmere mich ums Marketing. Es hat schon Leute aus Kassel und Ingolstadt gegeben, die angerufen haben, ob er nicht könnte. Sie hätten ihn im Internet gefunden. Meine Marketingstrategie, die Schusterstube gelegentlich zu erwähnen. Mündlich, schriftlich – Rauchzeichen.
Ich schob das Rad mit den zwei Magnat-Trümmern nach Hause. Legte Dave Brubeck auf, Midsummer Night Concert und legte mich aufs Bett. Ich hatte die letzten drei Tage fünf Stunden geschlafen und fragte mich deshalb wohl auch, wen ich gern an meinem Sterbebett sehen möchte. Und ich war richtig zufrieden und gut drauf, daß wir uns umarmt hatten, geküßt geliebt gehaßt. Und ich sagte, wir haben nur dieses eine, einzigartige Wackelleben, dieses ein Zittern.
So Sachen eben, wie sie Opa Zilli sagte, dem man mit Kirche nicht unbedingt kommen durfte. Irgendwas wußte er. Das vermute ich. Irgendwas wird schon sein. Also wenn Dir Irgendwas bewußt ist, dann ist alles Klarschiff, also nicht das Leben, aber der Tod. Die Hauptsache, wir sind mal wieder zusammen.


